Messe op.4

Die Messe op. 4 von Camille Saint-Saëns wurde 1857 geschrieben. Die Begleitung des weitgehenden vierstimmigen Chores übernimmt im Original ein Orchester mit 2 Orgeln – der großen Orgel und einer Begleitorgel. Schon bald wurde eine Reduktion auf zwei Orgeln ohne Orchester vorgenommen.

Die „Kyrie“ ist ganz dem Cäcilianismus verpflichtet. Hier besannen sich romantische Komponisten auf die klassische Vokalpolyphonie und wendeten diese Kompositionstechnik als Retrospektive wiederum an. So erinnert der Chorpart dieses Messteils eher an Palestrina, durch die Orgelzwischenspiele aber etwas verfremdet. Das erste „Kyrie eleison“ nimmt einen dreifachen Anlauf, bevor nach einer Fuge der großen Orgel das „Christe eleison“ in schlichter Form, durch ein Sopran-Solo, angestimmt wird. Dieses wird im „stile antiquo“, im alten polyphonen Stil ausgeführt. Nach einem „Agitato“ der großen Orgel das im 12/8tel Takt durch viele Synkopen geprägt ist, findet sich das zweite „Kyrie“ in einem Rezitativ der Solisten wieder, bevor in einer Schlusssteigerung das „Kyrie“ choralartig in einem homophonen Satz erklingt. Im anspruchsvollen Part der beiden Orgeln füllt die große Orgel die Pausen zwischen den Chorblöcken. Dadurch ergibt sich für den Zuhörer ein faszinierendes Wechselspiel, das alle Interpreten durch die räumliche Entfernung fordert. Endet das „Kyrie“, wie es begonnen hatte, in g-moll, erstrahlt das „Gloria“ in D-Dur. Wie weggewischt scheint alle Trübsal. Saint-Saëns komponiert hier im romantischen Stil. An zwei kleinen Stellen „rutscht“ er wieder in die alte Vokalpolyphonie („in excelsis Deo“ und „Gratias agimus tibi“) diese führt aber nach unten ins Nichts und wird strahlend überwunden durch ein erhöhtes homophones „Gloriam tuam“. Die Reichhaltigkeit des Textes wird durch musikalische Vielfalt umgesetzt. Dabei ist die Vergebungsbitte „Qui- tolis peccata mundi“ im Wechsel zwischen Solo und Chor besonders intensiv. Mit der Verherrlichung (Quoniam tu solus sanctus) setzt die Schlusssteigerung ein. So endet dieser Messteil „mit allen Registern“: einem vollen und virtuosen Chor und zwei Orgeln im Fortissimo. Diese zwei Messteile sind der Höhepunkt dieser Komposition. Das ist einerseits an der Virtuosität und musikalischen Reichhaltigkeit zu sehen, andererseits auch an ihrer zeitlichen Gewichtung: dreißig Minuten für die beiden Messteile, die in der Liturgie ja kaum getrennt sind, schränken diese Komposition für den liturgischen Gebrauch ein. Schlicht fällt das Glaubensbekenntnis aus. Dieser textreiche Messteil soll in seinen wichtigen Glaubensaussagen verstanden werden. Deshalb wählt Saint-Saëns den homophonen Satz, der dies ermöglicht.

Das „Sanctus“ knüpft musikalisch wieder an das Gloria an – bleibt aber kürzer und schlichter. Das „Benedictus“ ordnet Saint-Saëns der Orgel zu. Diese hat also nicht nur begleitende, sondern erhält gar eine liturgische Funktion. Diese Gewichtung finden wir auch bereits schon im „Gloria“: im Lobpreis Gottes wechseln sich Chor und Orgel ab. So schreibt der Komponist über die Orgeleinwürfe „Laudamus te“ und „Adoramus te“. Diese stehen dann gleichwertig neben dem Lobpreis des Chores: „Benedicimus te“ und „Glorificamus te“. „O salutaris hostia“ für Sopran und kleine Orgel besticht durch seine Schlichtheit. Nur das abschließende Amen durchbricht mit seinen Synkopen und seiner angereicherten Harmonik die einfache Melodieführung. Das „Agnus Dei“ unterlegt einer melancholischen Melodie in h-moll einen Orgel-Bass der, wie aus dem Barock bekannt, den Herzschlag symbolisiert. Wiederum stehen sich Chor und Orgel gleichwertig gegenüber, wenn in der Wiederholung des „Agnus Dei“ beide Partner die Rollen tauschen: hier spielt die Orgel die Melodie und der Chor begleitet harmonisch. Mit dem Friedensgruß klingt die Messe in innerer Beseeltheit aus – das „letzte Wort“ haben jedoch die zwei Orgeln, die in einem Wechselspiel die Themen dieses Satzes im pppp ausklingen lassen.                                                                                         

       Marcel Dreiling         

last update Infos: 17.01.2007